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Ein Märchen aus Estland

Das Geschenk der Flussmutter

 

Ein armes Mädchen ging einmal an den See, setzte sich an der Flussmündung ans Ufer und begann, bitterlich zu weinen. Es war siebzehn Jahre alt, Vater und Mutter waren gestorben und die Wirtsleute, bei denen es im Lohn stand, waren böse und hartherzig. Es weinte sich die Augen aus und vergass vor Kummer alles um sich herum. Plötzlich berührte jemand seine Schulter. Es sah auf und erblickte eine Frau in einem ungewöhnlichen Gewand. Goldenes Haar hatte sie und braune Augen. Ihre Schürze war mit weissen Kieselsteinen gefüllt. Freundlich lächelnd sprach die Fremde zu dem Mädchen: „Weine nicht, mein Kind. Auf schlechte Tage folgen gute.“

Sprach's und schüttete dem Mädchen die Kieselsteine aus ihrer Schürze in den Schoss.

„Geh jetzt nach Hause“, sprach sie, „und lege die Kieselsteine in deine Truhe. Aber erzähle niemandem von mir und lasse auch niemanden die Steine sehen. Nur jenem, der morgen kommen und um dich freien wird, darfst du alles sagen.“

Anfangs erschrak die Waise und brachte kein Wort hervor. Dann lächelte sie scheu und fragte: „Um mich freien? Ich bin so arm, dass mich keiner nehmen wird.“

„Wart ab bis morgen. Meinen Worten kannst du trauen, ich habe noch keinen betrogen.“

Da fragte die Waise: „Wer bist du denn, da du weisst, was morgen sein wird?“

„Wer ich bin und woher ich alles weiss, kann ich dir nicht sagen. Ich wohne dort, wo Sonne, Mond und Sterne von unten nach oben schauen und Bäume und Berge verkehrt herum stehen. Bei uns herrscht weder Hitze noch Kälte, wir kennen nicht Leid noch Schmerz, wir haben keine bösen Wirtsleute, bei uns braucht niemand zu weinen und sein Los zu beklagen.“

„Woher bist du so überraschend gekommen?“, fragte das Mädchen, das sich ein Herz gefasst hatte.

Die Fremde antwortete lächelnd: „Ich werde ebenso schnell gehen, wie ich gekommen bin.“

Mit diesen Worten entschwand sie im See. Jetzt erst erriet die Waise, wer die Frau war, und flüsterte: „Dann bist du also die Flussmutter!“

 

Doch die sonderbare Frau war bereits fort. Wären nicht die weissen Kieselsteine in ihrem Schoss, sie würde glauben, geträumt zu haben.

Das Mädchen ging nach Hause, holte die Truhe hervor und tat die Kieselsteine hinein. Anderntags kam tatsächlich ein Sohn reicher Eltern angefahren und begehrte das Mädchen zum Weibe. Die junge Braut hatte derweil vergessen, was ihr am Vortrag begegnet war. Erst als der Bräutigam zum Aufbruch rüstete, fiel es ihr wieder ein. Sie führte ihn zu der Truhe, hob den Deckel, und siehe da, ein gutes Drittel der Truhe war mit Silberstücken gefüllt. Der junge Mann umarmte seine Braut und sprach: „Was bedeutet schon Geld! Davon habe ich schon immer mehr als genug besessen. Nicht über dein Silber freue ich mich, sondern weil dich die Flussmutter beschenkt hat. Nur denen tut sie Gutes, die ein lauteres Herz haben. Solchen Menschen gelingt alles, sie bringen nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Mitmenschen Glück.“

Seine Worte trafen ein. Die beiden heirateten und führten ein glückliches Leben. Ihr Reichtum mehrte sich von Tag zu Tag. Die arme Waise war nun die freigiebigste und freundlichste Frau weit und breit. Sie half allen, niemand verliess ihren Hof mit leeren Händen, und für alle Waisenkinder sorgte sie wie eine leibliche Mutter.